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Nuria Fatykhova: Demokratie ist kein Paradies, das man mit einem Zaun umgeben kann

Demokratie ist kein garantierter Zustand und selbst in Ländern mit starken Institutionen nicht „automatisch“ geschützt. Sie erfordert tägliche Praxis, kritisches Denken, Solidarität und den Schutz von Vielfalt.

Wir veröffentlichen einen Artikel von Nuria Fatykhova, Programmkoordinatorin für Demokratie und Geschlechtergleichstellung beim Dialogbüro Wien, aus dem Handbuch Kipppunkte der Demokratie anlässlich der bevorstehenden Diskussion und Buchpräsentation: Fr. 27.02. 17:00, Parlament.

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Illustration by Dana Marasinova
In unserer postsowjetischen Schule hingen im Haupteingang unter der Uhr riesige weiße Plakate: die Stundenpläne aller Klassen für die Woche. In den Pausen drängten sich Kinder darum, fuhren mit den Fingern über das schon vom Alter trübe Plexiglas auf der Suche nach der nächsten Stunde oder nach Änderungen. Ich erinnere mich, wie ich selbst mitten in dieser Menge stand, als eines Tages plötzlich drei Männer durch den Haupteingang traten, eine Leiter und einen großen Rahmen bei sich. Wir wurden vom Stundenplan weggeschickt. Einer der Männer stellte die Leiter auf, stieg hinauf und nahm die Hauptschuluhr ab. Er reichte sie einem seiner Begleiter und erhielt dafür ein Bild, das er an denselben Nagel hängte, an dem zuvor die Uhr gehangen hatte. Dann standen alle drei lange unter dem Bild, stiegen ab und zu wieder auf die Leiter, um es zurechtzurücken. In dem Rahmen war ein Porträt des ersten Präsidenten des unabhängigen Usbekistans, Islam Karimov. Es war Herbst 1993, die Stadt Taschkent. So kam der Autoritarismus wieder in meine Kindheit.
Gerade hatte mein Bewusstsein begonnen, die Worte „Demokratie“, „Unabhängigkeit“, „Freiheit“ zu verstehen, die nach dem Ende der Sowjetunion, meines autoritären Geburtslandes, überall erklangen. Sie waren neu, aufregend und zugleich unverständlich. Wir aber, kleine Mädchen und Jungen aus der Nachbarschaft, die das Erzählen von Witzen übten, wussten noch, wie man schweigen konnte, wenn jemand wagte, einen politischen Witz zu erzählen. Ich erinnere mich, wie meine Freundin flüsterte: „Leiser, leiser, lacht nicht, selbst die Büsche und Blumen hören uns ab und erzählen es später Gorbatschow.“ Ich starrte lange auf die grünen Stängel der Blumen im kleinen Vorgarten, neben dem wir saßen, und versuchte zu verstehen, wie sie Funksignale an Gorbatschow übertragen konnten. Vielleicht existierte die UdSSR in diesem Moment schon gar nicht mehr, aber vorsichtshalber hatten wir Angst.
Michail Gorbatschow wurde später im Ausland zum Symbol des Liberalismus. Für uns aber war er ein abhörender Diktator. Denn anders geht es nicht. Alle, die das Land führten, waren Tyrannen. Unter ihnen wurden wir geboren, unsere Eltern und auch unsere Großeltern lebten unter ihnen. Tyrannen verlangen Stille und nähren sich von unserer Angst – das haben meine Gleichaltrigen und ich zusammen mit der sowjetischen Milchpulvermischung gelernt.
Und dann, nach nur einem Jahr, in dem es schien, man könne endlich aufhören, Rosen und Gladiolen in Verbindung mit der Macht zu verdächtigen, kehrt alles zurück. Das Porträt eines neuen Diktators anstelle der Uhr an der Hauptwand unserer Schule. Wieder wollen sie uns unsere Zeit auf allen Ebenen nehmen. Uhren brauchen Diktatoren nicht. Sie wollen die Ewigkeit.
Ein Jahr später wird meine Familie Usbekistan verlassen. Wie ich später verstehen werde nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Doch bis dahin wird mein Vater, nachdem er als Journalist in die Opposition gegangen ist, bis spät in die Nacht arbeiten, während meine Mutter sich sorgt, dass er so lange wegbleibt. Mich erreichen Nachrichtenfetzen über ermordete Journalist:innen und verfolgte Professor:innen und ich beginne, mir Sorgen um meinen Vater zu machen. Ich bete zu Gott, dass er heil nach Hause zurückkehrt. Dann wird er das Land verlassen. Ich werde ein erwachsenes Gefühl der tiefen Wehmut kennenlernen.
Meinen Vater werde ich erst ein halbes Jahr später wiedersehen. Er wird meine Mutter und mich in einer lustigen Pelzmütze am kleinen Flughafen empfangen, dessen Türen wegen Schneeverwehungen schwer zu öffnen waren. So landen wir in Russland, im Ural, in der Stadt Magnitogorsk, wohin Ende 1929 der damalige Diktator Stalin meine Großeltern deportiert hat. Mein erster russischer Frühling wird weiß, kalt, frei, aber auch sehr traurig sein. Um dem Autoritarismus zu entkommen, musste ich meine Kindheit und mein geliebtes Zuhause in Usbekistan verlassen.
Vor einigen Jahren bin ich ebenfalls im Frühling aus Russland weggegangen. Schnell, leicht. Wie mein Vater habe ich ein paar Bücher in Zeitungspapier gewickelt und mitgenommen. Eines davon steht immer noch auf meinem Schreibtisch: Maria-Sibylla Lotter „Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral“. Ich habe es nie vollständig gelesen und das letzte Lesezeichen blieb beim Kapitel „Moralische Haftung und andere Formen moralischer Verantwortung ohne Vorwerfbarkeit“. Als das russische autoritäre Regime in die Ukraine einmarschierte, beschäftigte mich diese Frage am meisten. Ich floh erneut vor Autoritarismus, vor der Gewalt, die er hervorbringt, rettete meine Freiheit, erstickte im Schuldgefühl und fragte mich endlos:Bin auch ich schuld daran, dass in meinem Land Autoritäre und Diktatoren an die Macht kommen? Trage ich Verantwortung dafür, dass die Demokratie gestorben ist und jetzt Ukrainer:innen sterben? Gab es sie überhaupt, die Demokratie, dort, wo ich lebte, meine Bildung erhielt und träumte?
Heute kann ich mir selbst antworten: Ja und nein, verantwortlich, aber nicht schuldig.
Und ich kann auch meine frühere Naivität und die meiner Eltern erkennen. Wie andere Menschen aus Osteuropa schaute ich in Richtung Westen. Ich wollte unbedingt diesen Westen kennenlernen, wo Kinder auf Gänseblümchen und Gladiolen als Blumen blicken, nicht als Abhörgeräte. Paradoxerweise hilft mir die Zeit, die ich unter allen Formen des Autoritarismus verbrachte, heute zu verstehen, dass es nirgendwo eine reine Demokratie als System endloser Gerechtigkeit und Transparenz gibt. Demokratie ist kein Paradies, in das nur die Guten aufgenommen werden, die sie verdienen. Demokratie ist kein Raum, den man durch Zäune schützt, um andere auszuschließen, z. B. Menschen wie mich, die nicht genug Erfahrung mit Demokratie haben. Nein, wir alle verdienen politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Freiheit und Respekt, selbst wenn wir unter Taliban oder Putin geboren und aufgewachsen sind. Demokratie ist nicht der Westen, genauso wenig wie Osten, Süden oder Norden. Demokratie kann überall praktiziert werden und ihre Werkzeuge müssen weltweit gesucht werden, losgelöst von Stereotypen.
Demokratie ist sicher kein Zustand, sondern ein Prozess im Kontext anderer Prozesse in unseren Gesellschaften, auch autoritären. Sie ist sehr zerbrechlich, weil sie auf Vertrauen aufgebaut ist: darauf, dass diejenigen, die an die Macht kommen, die demokratischen Institutionen respektieren. Doch wenn wir einander nicht vertrauen – und wenn wir den von uns geschaffenen Institutionen nicht vertrauen –, dann zerbricht auch die Demokratie selbst. Was hat mich das Leben unter Autoritarismus noch gelehrt? Autoritarismus zu erkennen. Er zeigt sich überall, selbst in Ländern mit den stärksten demokratischen Institutionen. In diesem Buch finden sich zahlreiche Beispiele dafür. Ich weiß genau: Diktatorinnen, aber meistens doch Diktatoren mögen keine Vielfalt unserer Identitäten und versuchen schnell, die Sichtbarkeit unserer Verschiedenheit einzuschränken. Denn unsere Vielfalt und die Möglichkeit, ohne besonderen Mut anders zu sein und die Andersartigkeit anderer zu erkennen, helfen uns letztlich, zusammenzuarbeiten, Solidarität zu zeigen und in Kontakt zu treten. Das führt zu Koexistenz und Akzeptanz. Davon bin ich tief überzeugt. Aber wenn es in einer Gesellschaft gefährlich ist, eine ethnische Minderheit zu sein, die Sprache der Vorfahren zu bewahren, Religion auszuüben oder offen über sexuelle und geschlechtliche Identität zu sprechen – dann werden die meisten von uns verschlossen, vorsichtig, still. Nicht sehr frei, nicht sehr glücklich. Autoritarismus braucht keine solidarische Gesellschaft, er braucht eine gespaltene und polarisierte Gesellschaft.
Deshalb erklären sie schnell jemanden für gefährlich. Meistens jene, die anders sind – durch Religion, Geschlecht, Ethnie, Hautfarbe, Staatsbürger:innen-schaft. Überall, wo ich lebte, wurden LGBTQIA+-Menschen durch strenge Gesetze verfolgt, Menschen mit abweichender ethnischer Herkunft misstrauisch betrachtet, Migrant:innen und Geflüchtete gedemütigt, populistisch zu Sündenböcken für wirtschaftliche Probleme oder Kriminalität gemacht. Wer nach autoritärer Macht strebt, verbreitet immer Desinformation, schreibt unter anderem Geschichte um, versucht, Kontrollinstitutionen zu zerstören, ignoriert Gesetze und bekämpft die Medienfreiheit. Autoritarismus liebt außerdem Kriege. Am Ende des autoritären Regimes verlieren viele Menschen Freiheit, Zuhause, Rechte, manchmal sogar das Leben.

Was also tun, damit Autoritarismus nicht die Oberhand gewinnt?

Das ist die schwierigste aller Fragen, die ich kenne. Manchmal gibt es keinen Weg mehr, sich dem Autoritarismus zu widersetzen, ohne die eigene Freiheit zu riskieren – und es bleibt nur die Flucht. Der bulgarische Politologe Ivan Krastev beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch Democracy Disrupted: The Politics of Global Protest sehr gut, indem er es „Exit“ nennt und auch damit steigende Migration weltweit erklärt.
Manchmal geschieht die autoritäre Machtübernahme so schnell, dass wir fassungslos sind. Ein prägnantes Beispiel dafür im Jahr 2025 ist die Politik von Donald Trump in den USA. Er handelt genauso wie die Diktatoren, unter denen ich gelebt habe – nur in atemberaubender Geschwindigkeit. Er versucht, alles, was ihm nicht gefällt, aus dem Weg zu räumen, so etwa kritische Journalist:innen aus dem Präsidentenpool, er versucht, die Kontrollbehörde für Staatsausgaben abzuschaffen oder eine Gouverneurin im Board of Governors der Federal Reserve zu entlassen, damit sie seinen Wirtschaftsplänen nicht im Weg steht. Und er schickt die Armee ohne ausreichende rechtliche Grundlage „zur Verbrechensbekämpfung“ in Städte, die von seinen politischen Gegnern regiert werden. Sein Satz „Migranten essen Hunde und Katzen“ ist ein klassisches Beispiel für Propaganda und Desinformation – der Versuch, eine soziale Gruppe zu diffamieren und zu Feinden zu erklären. Damit reiht er sich ein in die antisemitische Legende „Die Juden essen Kinder“, die seit dem Mittelalter Pogrome provozierte, oder die erfundene Geschichte vom „gekreuzigten Knaben“, mit der Putin 2014 den Krieg im Osten der Ukraine legitimierte.
Die heutigen „Jagdaktionen“ auf Migrant:innen in den USA und die eigens für sie eingerichteten Gefängnisse erinnern an die monströsen Praktiken des Stalinismus, des Nationalsozialismus und der Kolonialzeit. Aber auch viele europäische Praktiken im Umgang mit Geflüchteten – einschließlich der Lager und deren Bedingungen (zum Beispiel das Projekt eines Flüchtlingslagers der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni in Albanien), die gegen europäisches Recht verstoßen (vgl. Judith Kohlenberger) – gehören in diese Reihe unmenschlicher, autoritärer Entscheidungen und erinnern mich an die Internierungslager des 20. Jahrhunderts, in denen sich etwa jüdische Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland wiederfanden.

Also: Was tun?

Demokratie selbst leben und praktizieren – in unseren Communities, in unserem Freundeskreis. Wachsam sein, wenn Politiker:innen versuchen, die Gesellschaft zu polarisieren und uns zu spalten. Statistiken überprüfen, kritisch hinschauen – auch auf unsere eigenen Worte über gesellschaftliche Prozesse. Das ist eine einfache Reihe von Handlungen, die wir ausführen können. Nichts Neues. Aber vielleicht müssen wir noch weiter gehen und Begriffe wie „Nationalstaat“ neu überdenken, zu denen rechtspopulistische Politiker:innen so sehnsüchtig zurück wollen. Sind in der heutigen globalisierten Welt monoethnische Staaten überhaupt möglich? Natürlich nicht. Warum aber lassen wir zu, dass unsere Politiker:innen so entscheiden, als ob Österreich zum Beispiel ein Land einer einzigen Ethnie wäre?

Wir können Projekte initiieren, die die Sprache der Politik und der Demokratie selbst für Kindergartenkinder verständlich machen. Dann wird es für sie – und auch für uns – leichter sein zu verstehen, was passiert. Diktator:innen mögen keine Zivilgesellschaft. Unsere Solidarität miteinander ist gefährlich für sie. Also lasst uns nicht nur eine Gesellschaft sein, sondern eine zutiefst humane und solidarische Gesellschaft – unabhängig davon, ob wir Menschen in der fünften Generation mit der Staatsbürger:innenschaft dieses Landes sind oder migrantisierte Menschen. Lasst uns alles tun, was in unserer Macht steht, damit an unseren Wänden funktionierende Uhren hängen – und nicht die Porträts von Diktator:innen.

Nuria Fatykhova wurde in Navoi (Usbekistan) in einer tatarischen Familie geboren, zog in den 1990er-Jahren mit ihrer Familie nach Russland und machte so ihre ersten Erfahrungen mit erzwungener Emigration. Sie studierte Journalistik, Literaturwissenschaft und Slawistik sowie Philosophie in Tscheljabinsk, Tübingen und Berlin. Derzeit ist Nuria Expertin für Prozesse der Zivilgesellschaft in Russland und Programmkoordinatorin für Demokratie und Geschlechtergleichstellung beim Dialogbüro für zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit (Wien, Österreich). Sie kuratiert unter anderem Bildungsprogramme mit Schwerpunkt auf kritisches Denken, dekoloniale Perspektive auf russische und europäische Geschichte, Demokratietheorie, Gleichstellung der Geschlechter und diskriminierungsfreien Diskurs.